Als ich das Stück erstmalig entdeckte, dachte ich, Satie kann das nicht ernst meinen. Drei Zeilen Atonalität. Kein Metrum. Keine Tonart. Dazu eine konsequente Tritonus-Begleitung – der Tritonus, auch berühmt als „diabolus in musica“. Satie fügte der Komposition eine kleine Notiz hinzu:
„Pour se jouer 840 fois de suite ce motif, il sera bon de se préparer au préalable, et dans le plus grand silence, par des immobilités sérieuses.“ Erik Satie
„Um dieses Motiv achthundertvierzigmal zu spielen, wird es gut sein, sich darauf vorzubereiten, und zwar in größter Stille, mit ernster Regungslosigkeit.“
Achthundertvierzigmal.
Diese Idee ist so absurd, dass ich nicht anders konnte, als es selbst zu erfahren.
Vexations vollständig zu spielen ist ein Wechselspiel und Zusammenspiel aus körperlicher und mentaler Grenzerfahrung. Meine ganz persönliche Erfahrung? Bereits nach der ersten halben Stunde sank die Motivation auf 10 % der ursprünglichen. Bereits nach der ersten Stunde fragte ich mich ernsthaft: „Warum?“ Nach fünf Stunden verfiel mein Körper in den Halbschlaf und ab der 500. Wiederholung setzte der psychische Verfall ein – ein Gefühl der immer stärker werdenden Verrücktheit. Nach einer ganzen Weile setzt die Akzeptanz ein. Durchgehend aber dominierte die Müdigkeit, von der ersten bis zur letzten Wiederholung.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass es auf das „Warum?“ keine vernünftige Antwort gibt. Die Antwort liegt in der Erfahrung selbst. Und genau diese Erfahrung lässt sich in Worten nicht beschreiben. Ich kann nur sagen: Diese Erfahrung lohnt sich. Trotz der folgenden wochenlangen Rückenschmerzen.
Es lohnt sich.
Die mentale Vor- und Nachbereitung dieser Aufnahme war eng verknüpft mit den Aufgaben des Projektes selbst, die ich vollständig selbst in die Hand nahm. Diese umfassten die Vorbereitung des Setups, der Verpflegung und des Notenstapels, den Aufbau der Technik, die Durchführung der Video- und Tonaufnahme, den Abbau des gesamten Setups sowie das Einsammeln der 840 geflogenen Notenblätter und zuletzt die Nachbearbeitung und Veröffentlichung der Aufnahme. Es fühlte sich so an, als würde ich mir meine eigene Folterkammer bauen oder mir mein eigenes Grab schaufeln. Am Folgetag zurückzukehren und die Folterkammer samt Gebrauchsspuren zu besichtigen und wieder in einen sauberen Zustand zu bringen, ist mindestens genauso absurd wie Saties Idee selbst. Aber ich bleibe dabei. Es war die Erfahrung wert.
Die Gesamtdauer der Aufnahme betrug: 14 Stunden, 48 Minuten
Fun Fact: Ich habe die 840 Seiten Noten mit meinem privaten Drucker zu Hause ausgedruckt, wobei ich die Druckdauer massiv unterschätzt hatte. Da ich immer wieder Papier und Tinte nachlegen musste, verkürzte sich meine Schlafdauer auf genau eine Stunde. Ich würde sagen, das hat die ganze Erfahrung nur noch intensiver gemacht.